Reimar Oltmanns

Reporter-Leben - Keine Zeit für Wut und Tränen. Das Fremde wird nah, die Nähe fremd. Kein Ort nirgendwo.

                     

Augen in der Grossstadt                                              

Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen: da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, die Pupillen, die Lider - Was war das? Vielleicht dein Lebensglück ... Vorbei, verweht, nie wieder.                                                                                                                                                 Du gehst dein Lebenlang auf tausend Straßen; du siehst auf deinem Gang, die dich vergaßen. Ein Auge winkt, die Seele klingt; du hast gefunden ... nur für Sekunden ... Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider;  Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück ... Vorbei, verweht, nie wieder.


Du musst auf deinem Gang durch Städte wandern; siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern. Es kann ein Feind sein, es kann ein Freund sein, es kann im Kampfe dein Genosse sein. Er zieht hinüber und zieht vorüber  ... Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider. Was war das?                                                                    

Kurt Tucholsky (*1890+1935)


Zwischen den Zeiten

Ich liebe stille lange Sommerabende auf den Kilometer weiten Fahrradwegen am Nord-Ostsee-Kanal, der zwei Weltmeere verbindet. Stille ist mehr als Abwesenheit vom Geräusch. Stille ist eine heimliche Sehnsucht. Stille ist auch ein Moment der Selbstvergessenheit. 

Der Nord-Ostsee-Kanal gleicht einem dunklen Spiegel. Bäume, Schilf, Uferkanten. Nichts bewegt sich. Der Wind dreht und flüchtet sich durch Wald und Wiesen. Kein Atem. "Meine  Zeit vergeht", schrieb Pessoa in seinem Meisterwerk über den >Hilfsbuchhalter Soares<, "da ich stillstehe ...". 

 "Erinnerung", dichtete der Lyriker Elazar Benyoetz, "täuscht Gegenwart des Gedächtnisses vor. Erinnerungen  halten alles ein, was man sich je versprochen hat. Erinnerung - dass sich hier ansammelnde Jenseits. Erinnerung macht  vergessen". Und Erinnerungen bedeuten Ausruhen von all dem Unsinn, Prestige-Gebell, Verschleiß, Quälereien, auch Erfolgen. Gewesenes mutiert nicht selten zur Fiktion aus aktuellen Träumen; Wunschvorstellungen entstehen, lassen uns überleben.                                                                                                                      

                                                                                                                                              ro

         

 


 



                                                         epubli Verlag Berlin, 262 Seiten                                                                              

                           

                                                                                        epubli Verlag Berlin, 604 Seiten

                                                                           

                                                                  epubli Verlag  Berlin, 94 Seiten, 55 Bilder