Augen in der Grossstadt                                              

Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen: da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, die Pupillen, die Lider - Was war das? Vielleicht dein Lebensglück ... Vorbei, verweht, nie wieder.                                                                                                                                                 Du gehst dein Lebenlang auf tausend Straßen; du siehst auf deinem Gang, die dich vergaßen. Ein Auge winkt, die Seele klingt; du hast gefunden ... nur für Sekunden ... Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider;  Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück ... Vorbei, verweht, nie wieder.


Du musst auf deinem Gang durch Städte wandern; siehst einen Plusschlag lang den fremden Andern. Es kann ein Feind sein, es kann ein Freund sein, es kann im Kampfe dein Genosse sein. Er zieht hinüber und zieht vorüber  ... Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider. Was war das?                                                                    

Kurt Tucholsky (*1890+1935)





                                                                                                        tredition Verlag, Hamburg, 596 Seiten, Autobiografie

 

 

 


 epubli Verlag, Berlin, 94 Seiten, 55 Bilder

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